Sonntag, 1. Mai 2016

Große Verluste

Diese Woche hat mich wiedereinmal etwas sehr nachdenklich gemacht.
Alles fing mit unsere Patabambastunde an, das Zahnmonster war zu Besuch und die Kinder waren unglaublich aufmerksam und begeistert . Wir haben gemeinsam unsere  Zähne geputzt und anschließende das Zahnmonster gefüttert um herauszufinden was ihm schmeckt und was nicht. Sogar Antouru (unser Schüler mit einer geistigen Behinderung) hat dem Zahmonster einen Apfel gefüttert und war sichtlich begeistert. Also eine wirklich gelungene Stunde, die uns und den Kindern richtig Spaß gemacht hat.
Aber alle alles Gute ist ja bekanntlich nie zusammen und so gab es dann nach Stundenende wieder ein Ereignis, dass mich sehr traurig gemacht hat.
Christian ein wirklich sehr aufgeweckter Schüler, wollte einfach nicht gehen und suchte anscheinend irgendetwas. „Christian hast du was verloren?“ „Ja, Profe mein Radiergummi ist weg!“
Er war wirklich schon sehr aufgeregt und den Tränen nahe. Wir haben also dann gemeinsam gesucht, aber der Radiergummi war beim besten Willen nicht zu finden. Wäre es nur nach Johanna und mir gegangen hätten wir ihm sofort unseren Radiergummi geschenkt, aber das geht natürlich nicht, weil das die andern Kinder mitbekommen würden, und dann würden alle ihren Radiergummi „verlieren“ um einen Neuen von und zu bekommen.
Wir mussten also zusehen wie der kleine Christian wirklich traurig nach Hause gegangen ist und sehr aufgewühlt war.
Keine drei Minuten später kommt Aldair zur Tür rein, ich und Johanna wollten gerade abschließen.
„Profe ich hab mein JEGFWIUE verloren!“ Johanna und ich schauen uns an, zwei völlig verständnislose Augenpaare treffen sich. Wir haben keine Ahnung was er sucht (und das Wort auch danach sofort wieder vergessen…) „Meine Mama meinte ich muss das unbedingt wieder mit nach Hause bringen!“, die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben und er war ähnlich wie Christian kurz vorm weinen. Auch nach mehrmaligem Nachfragen konnten wir einfach nicht herausfinden was genau er eigentlich sucht. Gelb muss es sein, dass zumindest konnten wir in Erfahrung bringen. Johanna hat sich also der Sache angenommen und mit Aldair zusammen das mysteriöse Objekt gesucht. Ich kann ja wirklich nur bewundern, dass sie es tatsächlich gefunden hat. Johanna meint sie hat einfach nach etwas gesucht was da, also in eine Schule bzw. Kindergarten nicht hingehört. Schließlich hat sie in einer Ecke unterm Tisch ein dickes Gummiband entdeckt beim dran ziehe kam eine gelbe Steinschleuder zum Vorschein…
Aldair war sehr glücklich und ist mit der wiedergefundenen Steinschleuder glücklich und erleichtert nach Hause gegangen.
Johanna und ich haben uns beim Rückweg noch eine Weile darüber unterhalten und Johanna hat mir  noch erzählt was ihr neulich im Unterricht passiert ist.
Oscar einer ihrer Problemschüler in der Grundschule war auf Klo gegangen und kam einfach nicht wieder. Also ist Johanna mal nachsehen gegangen, ob alles in Ordnung ist, war es aber nicht. Oscar suchte offensichtlich etwas. „Oscar was ist denn los, suchst du was?“ „Profe ich hab Geld verloren.“
Er war völlig fertig und sehr verzweifelt und schon sehr nah am weinen…
Johanna hat dann also die Stunde beendet und alle Schüler haben Oscar geholfen das Geld wiederzufinden. Vermisst wurden übrigens 10 Centimos also umgerechnet 3 Cent. Das Geldstück war einfach nicht zu finden und Oscar am Boden zerstört, also hat Johanna gemacht was wohl jeder gemacht hätte. Sie hat 10 Centimos heimlich aus ihrer Tasche genommen und „versteckt“. Kurz darauf hat eine von Oskars Mitschülerinnen die platzierten 10 Centimos gefunden und sie freudestrahlend Oscar wieder gegeben. „Oscar ich hab deine 10 Centimos gefunden!“
So sind dann alle glücklich und zufrieden nach Hause gegangen.

Ich habe als Kind so viele Radiergummis und Anspitzer verloren, dass es schon fast wie ein Fluch wirkte, und ja meine Eltern waren nicht begeistert und haben mich auch zurechtgewiesen, dass ich besser auf meine Sachen aufpassen muss, aber letztendlich war es keine große Sache ich habe einen neuen Radiergummi aus der Schreibtischschublade bekommen und gut. Für den Leser, mögen die geschilderten Verluste vielleicht nicht weltbewegend wirken aber sie sind es.
Zum einem weil manche unserer und grade die hier genannten Schüler wirklich arm sind und es sich einfach nicht leisten können unachtsam zu sein oder Dinge zu verlieren. Es gibt eben zu Hause keine Schreibtischschublade, weil es auch keinen Schreibtisch gibt und einige der Schüler tragen ihren Radiergummi wie eine Kette um den Hals, damit sie ihn nicht verlieren. Die Kinder leihen sich gegenseitig nichts, aus Angst es könnte von Mitschülern gestohlen oder kaputtgemacht werden…. Das muss man sich mal vor Augen führen, dass du es dir im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten kannst einen Radiergummi oder 10 Centimos zu verlieren.
Zum anderen weiß man oder vermutet es zumindest sehr stark, dass es zu Hause Gewalt gibt und in Form von Gewalt bestraft wird. Letztendlich will am seien Schüler davor schützen, natürlcih ist es wichtig das Oscar das wenige Geld was er hat mit der größten Sorgfalt aufbewahrt und lernt es nicht -niemals zu verlieren. Aber sie sind halt Kinder und Kinder spielen und toben und verlieren eben auch Dinge.
Meine Großeltern können sich das wahrscheinlich noch sehr gut vorstellen, aber für mich ist es unvorstellbar, dass ich Angst habe nach Hause zu kommen, weil ich einen Radiergummi verloren habe und weiß, dass ich jetzt entweder geschlagen werde oder für den Rest des Schuljahres ohne Radiergummi auskommen muss…
Ich bin natürlich sehr dankbar, dass es für mich nie so war und höchst wahrscheinlich für meine Kinder nie so sein wird.
Aber mir ist schmerzlich bewusst, dass es für viele meiner Schüler so ist

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