Dienstag, 22. März 2016

Patabamba

Vor dem Jahr hier habe ich immer wieder Leute sagen hören: „Das ist so schade, wenn alles immer verwestlicht….“ und schon damals fand ich das eine sehr fragwürdige Meinung.
Heute nach meiner ersten Stunde in Patabamba, weiß ich dass ich ganz klar widersprechen muss.
Aber langsam und der Reihe nach also chronologisch. Unser Projekt entsendet seit seinem Beginn vor drei Jahren immer zwei Freiwillige, zweimal in der Woche nach Patabamba. Ein kleines Dorf ungefähr eineinhalb Stunden zu Fuß entfernt von der Bushaltestelle, bei der man aussteigen muss um zu seinem Arbeitsort zu gelangen.
Johanna und ich sind dieses Jahr die Glücklichen (und das durchaus unironisch, weil wir es beide wirklich gerne machen wollten), die ab jetzt jeden Dienstag und Donnerstag nach Patabamba wandern werden dort für 45 Minuten 20 Kinder zwischen 3-7 Jahren gleichzeitig unterrichten.
In Patabamba gibt es nämlich nur eine Grundschule und in der werden alle Kinder des Dorfes gemeinsam unterrichtet und dass auch nur, wenn der einzige Lehrer Lust hat zu kommen. Patabamba liegt zwar gar nicht weit weg von Cusco, aber es ist eine andere Welt.
Vom Westen und „Verwestlichung“ merkt man hier nichts. Alle Bewohner leben von Feldbewirtschaftung und Viehzucht und das fast vollständig autark. Das erklärt auch warum 3- jährige Kinder und eindeutig geistig-behindertes Kinder gemeinsam mit allen andern unterrichtet werden. Einen Kindergarten gibt es nicht und so ist die Schule die einzige Betreuungsmöglichkeit für die Kinder, die Alternative wäre mit ihren Eltern auf dem Feld zu arbeiten.
Wir waren also schon sehr gespannt was uns da nun erwarten würde und nachdem wir letzten Donnerstag schon einmal Umsonst die Wanderung angetreten hatten, da die Schule an dem Tag geschlossen war (der Lehrer war nicht aufgetaucht), war heute Versuch Nummer zwei angesagt.
Die folgenden Ereignisse werde ich so chronologisch wie möglich wiedergeben:

9:27 Ich beginne die Wanderung nach Patabamba leider ohne Johanna, weil sie krankheitsbedingt nicht mitkommen konnte.

10:18 Ich komme am Pausenfluss an und stelle fest, dass ich echt schnell unterwegs bin und nur noch das letzte ¼ fehlt

11:15 Ich klopfe an das blaue Schultor, das erfreulicher weise von innen und nicht von außen abgeschlossen ist ergo. Jemand ist drinnen.

11:30 Ich klopfe immer noch ans Schultor, irgendwann entschließt sich auch jemand mir aufzumachen.

11:35 Ich versuche dem sehr ungehaltenen Lehrer sehr freundlich zu erklären, das ich die neue Freiwillige bin, die ab jetzt unterrichten wird.

11:36 Ich betrete meinen Klassenraum. Immer zwei bis drei Kinder sitzen eng getrennt an einem Tisch, manche stehen. (Die restlichen Tische und Stühle stehen in einer Ecke des Raumes und dürfen angeblich nicht benutzt werden. Alle Kinder laufen durch den Raum niemand setzt sich und ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Im Allgemeinen sind die Kinder leider das was man als verwahrlost bezeichnet. Sie tragen unglaublich dreckige Sachen, haben keine Stifte und ihr Gesichter sind teilweise i wahrsten Sinne des Wortes dreckverschmiert. Die älteren Kinder haben ihre Geschwister mit, kleine 2-3-jährige Kinder, die durch den Raum laufen und in der Ecke sitzt ein Junge und malt auf den Boden. Ich versuche ihn anzusprechen und zum hinsetzen zu bewegen, er ist vielleicht 6 Jahre alt und eindeutig geistig-behindert.

11:45 Die Kinder laufen immer noch durch den Raum und verlassen ihn auch immer wieder mal mit der Ausrede sie müssten auf Klo, mal ganz ohne Ausrede.
11:50 Ich fange an das Good morning-Lied zu singen und die Kinder stimmen begeistert ein und begeben sich tatsächlich zu ihren Plätzen.

11:55 Der Störenfried fängt an mich nachzuäffen und wie wild durch den Raum zu tanzen. Ich stelle ihm ein Stuhl und einen Tisch vorne hin, damit er alleine arbeiten kann, aber er weigert sich einfach diesen zu benutzen. Schließlich passiert genau das was sich jeder Lehrer in seinen Albträumen ausmalt, der Schüler weigert sich einfach wirklich, er weigert sich auch raus zu gehen und ich kann einfach nichts nichts machen. Also muss ich zusehen wie meine Autorität als einzige den Raum verlässt. Während der „Störenfried“ einfach sitzenbleibt.

12.00 Wir haben eine Arbeitsblatt vorbereitet, bei dem die Kinder in Kästchen immer geometrische Figuren zeichnen müssen.( alles auf Spanisch logischer Weise) Damit wollten wir herausfinden welche motorischen Fähigkeiten und Zuordnungsfähigkeiten die Kinder haben. Die erste Aufgabe ist ein Dreieck…
„Was ist ein Dreieck?“, „Ich kann kein Dreieck!“
Ein Kind hat schon angefangen in jedes der Kästchen ein Dreieck zu malen. Schließlich darf ein Kind nach vorne kommen und sein Dreieck an die Tafel malen. Gespannte Stille tritt ein und für die nächsten 15 Minuten malen die Kinder immer eine geometrische Figur und kommen dann an die Tafel. Anschließend zeige ich ihnen wie man aus Dreiecken einen Weihnachtbaum und Sterne zeichnen kann.

12.15 Der „Störenfried“ möchte auch an die Tafel kommen, traut sich aber nicht wirklich und wird immer unruhiger. Also machen wir das zusammen, ganz brav an meiner Hand kommt er nach vorne und ich Helfe ihm das Haus zu zeichnen.

12.20 Immer wieder fragen Kinder ob sie auf Klo gehen können, was ich verbiete, weil sonst der ganzen Klasse einfällt, dass sie aufs Klo müssen. Die meisten Kinder lasse ich am Ende doch gehen, weil sie immer wieder fragen und vielleicht ja wirklich müssen. Plötzlich ruft jemand: „…. pullert sich gerade ein!“, eine der kleineren Schülerinnen hat mein „Nein“ wohl sehr ernst genommen und mich auch nicht nochmal gefragt ob sie gehen kann… Als sie nun aus dem Klassenraum läuft tropft es schon.

12.25 Der 3-jährige Bruder und der behinderte Junge spielen in der Ecke des Raumes mit einem Plakat. Plötzlich fängt der Kleinen an zu weinen. Angeblich hat der andere ihn getreten. Der Bruder versucht den Kleinen zu trösten und ich schnappe mir den andern und setzte ihn nach vorne an den Lehrertisch mit einem Zettel und Stift, damit er etwas malen kann. Die Kinder verstehen natürlich nicht, dass dieser Junge sie nicht versteht und das auch gar nicht kann und deshalb fängt jetzt die ganze Klasse an ihn zu beschimpfen. Ein Mädchen tritt ihn sogar im Vorbeigehen, so schnell kann ich gar nicht schauen.
Daraufhin gibt es eine Standpauke: „Keine Gewalt und wer Gewalt mit Gewalt bekämpft macht etwas sehr schlechtes!“ Betretenes Schweigen nur der kleine Junge weint noch immer.Ich drücke ihn ein bisschen und rede beruhigend auf ihn ein, schließlich meint sein großer Bruder: „Wir gehen jetzt nach Hause zu Mama ok?“ Der kleine Junge geht schon mal vor und verlässt den Klassenraum. Eine halbe Minute später geht sein großer Bruder (7) ihm nach und kommt wieder rein: „Mein Bruder ist weg!“
In diesem Augenblick habe ich mich innerlich geohrfeigt und jedes aber wirklich jedes Horrorszenario ist vor meinem inneren Augen abgelaufen… Dann siegt die Vernunft. Das Schultor und somit das Schulgelände sind abgeschlossen, der Kleine kann also nicht weit sein. War er dann auch nicht eine Minute später kommt er hinter einer Ecke vor und weint auch nicht mehr.

12.28 Wenn nichts mehr geht musst du alles über den Haufen werfen und was anderes machen. Also hole ich einen Stuhl nach vorne und frage ob mir den jemand mal zeigen kann, wie man sich ordentlich hinsetzt. Einer nach dem anderen kommt nach vorne und zeigt es mir. Wenn es zu laut wird machen wir eine Pause, dann geht es weiter. Wenn die Kinder sich auf ihren Platzt setzten sage ich, sie sollen es genauso toll machen wie sie es eben gezeigt haben. Und dann passiert es alle sitzen leise und brav auf ihren Stühlen.
Anschließend üben wir aufstehen und hinsetzen und in den Klassenraum reinkommen ohne zu schrien oder zu tanzen.

12.30 Gerade als ich den Unterricht beenden will fangen zwei Schüler an sich zu prügeln. Jeder Versuch sie auseinander zu bekommen scheitert. Es ist unglaublich was kleine Kinder für Kraft haben. Zum Glück hören sie schnell von alleine auf und ich kann den Unterricht beenden. Die Kinder stehen ordentlich und still auf und sagen „Good-Bye!“
Sie haben diese Stunde also doch etwas gelernt…
Beim rausgehen rede ich noch mit dem Störenfried
„Ich weiß, dass du intelligent bist aber dein verhalten stört die ganze Klasse. Versprichst du mir das zu ändern?“
„Nein!“
„Willst du es den ändern?“
„Ja“, er schaut sehr betreten zu Boden
„Ist sehr schwierig stimmt's!“
„Ja“
„Ok, dann üben wir das zusammen versprochen!“
Wir schütteln uns die Hände und gehen nach Hause

12.40 Ein Motorrad hält neben mir. Es ist ist der Lehre (55+). „Steig auf!“ ich steige auf und versuche nicht daran zu denken was eventuell vielleicht alles passieren kann. Er fährt aber ziemlich vorsichtig und wir unterhalten uns nett bis:
„Haben sie einen Ehemann?“
„Nein ich bin erst 18.“
„Einen Freund.“
„Ja“
„Sind deutsche Frauen treu?“
„Ähmmm es gibt sone und solche, aber ich schon ja….. SEHR!“
Er fährt mich bis zu Bushaltestelle.
„Danke hier muss ich absteigen.“
„Schon? Aber das nächste Mal fahren wir bis Cusco!“
„Ja klar!“ (Es wird kein nächstes Mal geben!)

Als ich zu Hause bin atme ich erst mal tief durch. Ich fühle alles auf einmal Freude, Frustration, Wut und Glück. Ich freue mich, weil es neben all dem hin und her echt Phasen gab in denen die Kinder sehr aufmerksam waren und ich am Ende vielleicht nicht alles falsch gemacht habe.
Ich bin Frustriert, weil der Lehrer selber so unfähig und uninteressiert an seinen Schülern ist.
Ich bin Wütend, weil ich in Oropeas wohne einem Dorf in dem die neureiche Bevölkerung sich Hometrainer kauft und niemals niemals benutzen und das zur selben Gemeinde gehört wie Patabamba.

Ich bin glücklich, weil ich in meinem Kopf eine ganze Liste von Sachen habe, die ich beim nächsten Mal besser machen werde. Und weil ich weiß, dass diese Kinder viel lernen können, wenn ich und Johanna unser Bestes geben. Englisch werden wir wohl kaum weiterverfolgen, aber wenn die Kinder am Ende des Jahres alle wissen was ein Dreieck und was ein Quadrat ist, dann bin ich ehrlich stolz auf dieses Kinder.

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