Mittwoch, 13. Januar 2016

Schlechte Nachrichten


Wozu brauchen wir Nachrichten, was ist ihre Aufgabe?
Für Deutschland lautet die Antwort meiner Meinung nach: Wir brauchen Nachrichten um informiert zu werden und zwar möglichst multikausal, objektiv und neutral.
In einem Land wie Peru, das erst seit einigen Jahren politisch mehr oder weniger stabil ist und in dem es noch zu vielen Einwohnern an Bildung und vor allem Allgemeinbildung mangelt, scheinen Nachrichten jedoch ein anderes Ziel zu verfolgen: Sie sollen unterhalten!
Medien im Allgemeinen sind sehr mächtig. Jeder weiß das und jeder hat es bereits selber erlebt.
Jeder hat das eine Buch, das ihn zum Nachdenken gebracht hat. Jeder hat diesen einen Film, der seine Sicht auf gewisse Dinge verändert hat. Genauso wie jeder schon erlebt hat, dass man nach dem Lesen einer Zeitung oder dem Ansehen einer Nachrichtensendung plötzlich eine Meinung zu einem Thema hatte, dessen Existenz einem vorher nicht einmal bewusst war.
Medien manipulieren uns immer, egal wie professionell oder unprofessionell sie auch seien mögen. Egal was für kritische oder hinterfragende Persönlichkeiten wir auch seien mögen.
In den letzten Jahren habe ich mich immer wieder über die Presse und andere Medien aufgeregt. Zu reißerisch die Überschriften, zu subjektiv die Artikel und zu aufmerksamkeitsheischend die Bilder…
Aber jetzt sehe ich das in einem ganz anderen Licht. Ein Licht dessen trauriger Schatten dass ist, was anscheinend in anderen Ländern unter Pressefreiheit und Journalismus verstanden wird.
Ich weiß nicht was ich trauriger finden soll, dass was ich über unser Nachbarland Polen hören musste, oder dass was ich hier in Peru jeden Tag sehen muss.
Es kann und darf nicht sein, dass der rechte Ruck, der durch Europa geht in Polen Gestalt in Form vom Pressezensur annimmt! Ja und weil zumindest ich noch das Recht der Meinungsfreiheit genieße, darf ich an dieser Stelle sagen, dass mich das zutiefst beunruhigt und ich nicht finde,dass man das tolerieren muss oder darf.
Die Frage, die sich mir immer häufiger stellt ist: Ist Meinungsfreiheit und Pressefreiheit gleichzusetzen?
Ich denke nicht, man muss da glaube ich mal ein bisschen kritischer differenzieren, etwas dass in Peru nicht gemacht wird.
Peruanische Nachrichten sind reißerisch, dramatisch aufgebauscht und würdelos, anders kann ich es eigentlich nicht sagen.
Wir nehmen Mal ein Beispiel, damit ich die Machart dieser Machwerke ein bisschen besser erklären kann. Der Fall ist folgender: eine Gruppe junger Männer hat Anfang des letzten Jahres ein Kaufhaus überfallen und dabei einen 19-jährigen Jungen erschossen andere Menschen wurden schwer verletzt. All das ist übrigens in Lima passiert, weil alle schlimmen und unvorstellbaren Sachen immer in Lima passieren.
Der dazugehörige Beitrag dauert mindestens 15 Minuten, es gibt aber nur Filmmaterial für zwei. Weswegen jedes Bild mindestens sechs mal gezeigt wird (und ja ich hab das mitgezählt) und noch ein Interview mit der Mutter des toten Jungens gezeigt wir, welches auch mindestens zweimal wiederholt wird.
Schon allein das finde ich traurig, dass eine Mutter interviewt wird, nur zwei Sekunden nachdem sie erfahren hat, dass ihr Sohn tot ist. Noch trauriger ist da nur, dass sie auch noch bereitwillig das Interview gibt und anschließend noch vor laufender Kamera einem der Täter gegenübergestellt wird. Der Täter wird übrigens auch noch einmal interviewt und ihm werden so geistreiche Fragen gestellt wie: „Wieso haben Sie das gemacht und wie werden sie jemals mit diese Schuld leben können?“ (Diese Frage wird dann ein paar Mal wiederholt, völlig unabhängig von der Antwort des Täters)
Diese Vorgehensweise gibt es immer, auch in einem anderen Fall, in dem es noch ekelhafter ist. Eine Mutter hatte ihre Kinder alleine zu Hause gelassen, weil sie arbeiten musste und das Haus ist abgebrannt, die Kinder konnten nicht gerettet werde. Der Reporter hat der Mutter ernsthaft gesagt: „Sie sind ein schlechter Mensch, wieso haben sie nicht besser auf ihre Kinder aufgepasst. Es ist ihre Schuld, dass ihre Kinder jetzt tot sind, wie werden sie mit dieser Schuld leben?“

Aber zurück zur vorherigen Nachricht. Zu dramatischer Hintergrundmusik werden nach den „Interviews“ Bilder von den Opfern gezeigt. Man sieht also die Leiche und andere Menschen die im Krankenhaus behandelt werden und man sieht wirklich alles. Das Gesicht des Bewusstlosen, die Wunde und die Schläuche, so etwas wie Privatsphäre oder Respekt gibt es da einfach nicht.
Dann kommt der große Showdown: die Festnahme der Täter. Man sieht in unglaublich schlechten Liveaufnahmen, wie die Polizei ein Haus stürmt, die Täter sind noch in Unterwäsche und werden in Handschellen gelegt. Ihre Gesichter werden nicht unkenntlich gemacht. Nein, die Täter werden sofort ausgefragt und antworten auch noch. Name, Alter, Adresse und Personalausweisnummer werden so der Öffentlichkeit preis gegeben.
Nachrichten sind hier immer eher eine Mischung aus dem RTL2 Nachmittagsprogramm und dem Filmprojekt eines unbegabten Viertklässlers mit einem Hang zum Drama.
Alles noch gewürzt mit richtig dramatischer Hintergrundmusik und eingängigen Phrasen wie: „Unbeherrschbare Gewalt!“, „Unkontrollierbare Gewalt!“ und „Gewalt außer Kontrolle!“
Auf diese Weise informieren die Nachrichten nicht, sondern polarisieren und zwar viel stärker, als sie das eh schon immer tun. Sie verbreiten Angst, Panik und Misstrauen in der Gesellschaft und einen immer größeren Hass auf die Regierung, die Polizei und die Mitbürger.
Genau deshalb ist Meinungsfreiheit und Pressefreiheit nicht gleichzusetzen. Die peruanische Presse könnte über weltpolitisches Geschehen berichten, macht sie aber quasi nicht und wenn, dann mit reißerischen und schlecht recherchierten Beiträgen. Die peruanische Presse könnte über Bewegungen und Ereignisse Perus berichten, aber auch hier entscheidet sie sich lieber jeden Tag wieder zu zeigen, wer letzte Nacht in Lima vergewaltigt, ausgeraubt oder umgebracht wurde.
Presse hat eine hohe Verantwortung, die sie nur vor sich selber rechtfertigen müssen. Denn wenn es so etwas wie Zensur nicht geben soll, dann kann nur die Presse selber sich kontrollieren. Allen anderen sind die Hände gebunden.
Es braucht also gute Journalisten mit so etwas wie einem Berufsethos, die sowohl taktisch als auch taktvoll sind. Ich denke schon, dass es solche Journalisten gibt und zwar gar nicht so selten. Aber leider finden zu viele Leute Gefallen am Drama.
An Überschriften, die die halbe Seite einnehmen und in denen mindestens die Wörter Sex, Gewalt und Tod vorkommen müssen. An Bildern die den Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ plötzlich gar nicht mehr so evident erscheinen lassen und nicht zu Letzt an Artikel, die reißerisch, dramatisch und höchst subjektiv sind…
Ich hoffe, dass ich einfach immer die falschen Sender gesehen habe und die falsche Zeitung aufgeschlagen und dass sich irgendwo in Peru doch verantwortungsvoller Journalismus versteckt. Ich hoffe dass sich die Presse stärker selber kontrolliert.
Ich hoffe auch, dass Pressefreiheit ein Gut ist, dass wir bewahren können, auch in Zeiten in denen viel zu viele Menschen mit Wörtern wie „Lügenpresse“ um sich werfen!
Zu aller Letzt hoffe ich auch, dass der Leser (auch dieses Blogeintrags) sich die Mühe macht selber ein bisschen zu reflektieren. Denn die Presse können wir nicht einfach verändern unser eigenes Leseverhalten aber schon.
Vielleicht reicht es nicht aus nur einen Artikel über ein Thema zu lesen, vielleicht reicht es nicht aus nur eine Zeitung zu abonnieren und vielleicht reicht es nicht aus nur zu lesen ohne zu denken.

Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen