Montag, 18. Januar 2016

In meiner Straße

Ich erwähnte ja bereits, dass bei uns zur Zeit gebaut wird, bei uns heißt in meiner Straße und zwar wirklich in der Straße.
Am Mittwoch ging es los, die kopfsteinpflasterähnliche Straße wurde ab 7.00 Uhr morgens mit dem Presslufthammer aufgestemmt. Ziel der Aktion war und ist es immer noch die Wasserleitungen zu erneuern und zwar in beide Richtungen. Mein Gastbruder hat zu alle dem nur den Kopf geschüttelt und gemeint, dass die Leitungen erst fünf Jahre alt waren und es irgendwie traurig ist, wenn die jetzt schon wieder erneuert werden müssen. Finde ich auch, noch trauriger finde ich aber wie die letzte Woche wassertechnisch gelaufen ist.
Jeden Tag ist so ein Auto von der Muicipalidad durch unsere Straße gefahren (5.30 Uhr) und hat durch ein Megaphon durchgesagt, das heute aber wirklich das Wasser abgestellt wird und dass wir vorher noch so viel wie möglich abfüllen sollen. Tja das Wasser wurde aber nicht an den angesagten Tagen abgestellt, was die Peruaner mehr verwundert und geärgert hat als mich. Ich meine das hier ist Peru ergo Sachen laufen NIE, NIE, NIEMALS wie angesagt. Was mich gewundert hat ist, dass meine Gasteltern nach 45 Jahren Lebenserfahrungen in Peru wirklich erwartet haben, dass das Wasser am vorhergesagten Tag abgestellt wird…
Na ja irgendwann war es dann aber wirklich weg. Kein Wasser, zumindest temporär ist in Oropesa quasi Alltag, also keine große Sache. Was allerdings wirklich anstrengend war, war die Toilettenbenutzung. Selbige war nämlich nicht möglich, weil es strengstens verboten war die Abflüsse zu benutzen und zwar 3 Tage lang.
Das bedeutet im Klartext, dass ich jedes mal, wenn ich ein Klo benötigte, zu der Gastfamilie von Johanna gehen musste. Gut ihr Haus ist nur eine Minute von meinem weg, aber es ist trotzdem komisch und irgendwie auch belastend gewesen.
Dann kam das eigentlich lustige an der ganzen Sache. Plötzlich hatten alle Häuser wieder Wasser, weil die Grobarbeit beendet war. Wir haben das erst gar nicht mitbekommen, denn wir hatten als einziges Haus in unserer Straße immer noch kein Wasser. Mein Gastvater ist dann also los und hat mal nachgefragt wie das denn bitte sein kann. Die Antwort: „Das kann gar nicht sein!“ War aber so, weil die super Bauarbeiter und Ingenieure einfach vergessen hatten unser Haus wieder ans Wassernetz anzuschließen. Sie haben die alten Wasserrohre einfach nicht durch neue ersetzt.
Also den Teil der Straße nochmal aufreißen, der war nämlich schon wieder geschlossen wurden und Rohre verlegen wo Rohre hingehören… und dann hatten wir auch wieder Wasser!
Tja sowas passiert in meiner Straße und dass war ja nun ein Ausnahmezustand.
Wie ist meine Straße den normalerweise?
LAUT!!!
Im Haus gegenüber wohnt eine Familie, die anscheinend nie schläft. Sie stellen sich 23.00 Uhr (und  das ist in Oropesa quasi mitten in der Nacht) auf die Straße und machen mit ihrem Auto laut Musik an und trinken noch ein-zwei-viele Bier. Weshalb wir schon mehrmals das Fenster öffnen mussten und sie darauf hinweisen, dass: „Alle normalen Leute jetzt schlafen wollen und dass, wenn sie keinen Schlaf bräuchten doch bitte wo anders durchdrehen sollten!“ (Gut das hätten wir gerne gesagt, eigentlich haben wir gesagt: „Die Musik, können Sie die leiser machen...bitte.“)
Man schläft also 23.00 Uhr ein und wird um 5.00 Uhr geweckt, dafür kann es drei Gründe geben:

1. Der Hahn kräht, der Hahn ist ein Nachbar, der geistig etwas eingeschränkt ist und sich morgens immer auf die Straße stellt und laut und zwar wirklich laut kräht oder wahlweise auch singt (aka. schreit) und zwar ungelogen und unübertrieben eine dreiviertel Stunde lang!
2. Jemand im Nachbarhaus hat Geburtstag, dann kommen alle Familienangehörigen 5.30 mit Saxophon, Trommel, Akkordeon und Böllern vorbei. Die Böller lösen immer die Autoalarmanlagen aus, weshalb man von den lieblichen Klängen verstimmter Instrumente, jaulenden Toyota-Alarmanlagen und mittelschwere Explosionen geweckt wird.
3. Jemand klopft unten an den Laden, der noch nicht auf hat und schreit nach Luz Ma unsere adoptiv- Gastschwester, die meistens verkauft und zwar solange, bis sie aufsteht, runterrennt und den Laden öffnet (noch mal zur Erinnerung um 5.30 Uhr morgens)

Ja das ist gewöhnungsbedürftig, aber man kann sich an alles gewöhnen mit der Zeit, darauf hoffe ich jedenfalls immer noch.

Woran ich mich leider schon gewöhnt habe sind die andere Nachbar in unsere Straße:
Die Familie mit den 15 Kindern ohne Vater, bei der die Mutter neulich die Kinder für eine Woche alleine gelassen hat und die älteste Tochter (17), die selber schon Mutter ist auf alle aufpassen musste...
Die Familie, die aus einem Mann und zwei Frauen besteht, die er beide misshandelt…
Die Familie deren Söhne neulich einem Mann im Streit ein Ohr abgeschnitten haben…
Die Familie in der abends alle auf der Straße sitzen und sich betrinken…

Meine Straße ist speziell. Genau wie die Familie in der ich lebe. Mein Gastbruder nennt es selber „das Haus der Verrückten“, aber im Vergleich sind wir noch die Gesündesten.
Es ist einfach  seltsam zu sehen wie sehr sich mein soziales Umfeld geändert hat.
Früher kannte ich sicher auch Alkoholiker, Frauen die misshandelt werden und Kinder die massiver psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind, aber ich wusste es nicht oder wollte es nicht wissen?
Aber ich weiß mit an Sicherheit grenzender Gewissheit, dass das hier alles viel häufiger und offensichtlicher ist als in meinem „früherer Leben“.
Ich sehe jeden Tag die Kinder der Familie mit den 15 Kindern ohne Schuhe, dreckig und verwahrlost in unserem Laden, wenn sie sich ein Trinkpäckchen kaufen und das dann auch noch teilen.
Ich kenne jetzt mindestens fünf Alkoholiker persönlich, von denen zwei schon deutliche Symptome einer Leberzirrhosen haben.
Ich kenne jetzt den Mann von dem jeder weiß, dass er seine Frau so sehr misshandelt hat, dass sie heute einen Rollstuhl braucht.
Ich kenne jetzt die beispielhaften Gesichter von so ziemlich allem Furchtbaren, dass hinter zugezogenen Gardinen und auf offener Straße passiert.
Zu Guter Letzt kann ich meinem Gastvater und -bruder nur zustimmen, wenn sie sagen: „Der Anfang vom Ende ist fast immer der Alkohol!“
Ja ich weiß, dass das pauschalisiert und ich weiß dass es Alkoholiker gibt, die niemals eine Frau schlagen würden.Aber es ist einfach falsch einen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und häuslicher Gewalt zu leugnen, den da gibt es einen.
Ich kann all das nicht ändern, ich kann es nur für mich selber besser machen. Leute sagen mir immer du musst es wenigstens einmal ausprobieren- Alkohol trinken.
Aber warum sollte ich? Warum sollte ich meine Gesundheit, meine Zukunft, meinen Hoffnungen aufs Spiel setzten? Weil die Gesellschaft und zwar in jedem Land, das von mir erwartet und es immer weiter schön redet. Ich weiß nicht aber ich sehe hier jeden Tag die Schatten einer Gesellschaft die kollektiv den Alkohol schön redet und als Massen- Alltags-und Gesellschaftsdroge akzeptiert.
Dann bleibe ich eben bei meinem Wasser, dann finden sie das eben witzig…
Ich würde ja gerne sagen: „Wer zu Letzt lacht, lacht...“, aber ich kann darüber nicht lachen.
Es macht mich traurig, es macht mir Angst und es macht mich hoffnungslos


Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue

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