Samstag, 5. Dezember 2015

Zeiten ändern sich/dich


Keine Ahnung was es ist, das völlige Fehlen jeglicher Vorweihnachts-Anzeichen oder das immer häufigerer Grau des Himmels, weil die Regenzeit begonnen hat. Jedenfalls konnte ich mich gar nicht wirklich über den Ferienbeginn freuen.
Eigentlich waren die Weihnachtsferien immer meine Lieblingsferien im ganzen Jahr, das ist jetzt anders. Zunächst einmal liegt das daran, dass die Ferien, die jetzt begonnen haben gar nicht wirklich Weihnachtsferien sind sondern quasi Sommerferien.
Die Fünftklässler der Secundaria haben ihren Abschluss gemacht, die Sechstklässler der Primaria gehen ab nächstem Schuljahr in die Secundaria und für alle anderen geht es in 3 Monaten ungefähr da weiter, wo es jetzt aufgehört hat…
Ja, kein Tippfehler, die Ferien sind in Peru wirklich 3 Monate lang. Ich hoffe niemand ist so verblendet, das zu beneiden, den es ist ein Fluch.
Das peruanische Bildungssystem mag, wie die meisten anderen auch, viel Schwachstellen haben, aber dass die Ferien ein viertel Jahr dauern ist einfach traurig.
Alles was die Schüler im letzten Jahr gelernt haben, wird quasi vollständig wieder von der Festplatte gelöscht und man muss wieder bei null anfangen..
He/She/It das S muss mit (Simple present) unser Thema in den letzten 3 Wochen, wird meinen Schülern nach den Ferien wahrscheinlich völlig unbekannt vorkommen.
Das alleine wäre aber nicht schlimm. Schlimm finde ich, dass auch die Verhaltens- und Disziplinfortschritte, die wir gemacht haben bestimmt größtenteils vergessen sein werden.
Dabei waren die letzten Wochen so ein Erfolg für mich.
Meine Klasse in Huasao zum Beispiel:
Als ich das erste Mal in den Klassenraum kam, haben die Schüler sich zum Begrüßen nicht hingestellt, haben mir quasi gar nicht zugehört und sind im Unterricht regelmäßig aufgestanden.
Ich bin ein Freund von Disziplin und nach 3 Wochen harter Arbeit und einigen fast Nervenzusammenbrüchen meinerseits haben wir alle echt große Erfolge zu verzeichnen.
Es kommen immer mehr Schüler zu meinem Unterricht (es sollten 37 sein), sie stehen schneller und leiser auf um mich zu begrüßen, sie setzen sich wieder hin und hören länger zu.
Natürlich wäre es völlig überheblich und naiv zu glauben, dass das ein Dauerzustand ist, vor allem nach den Ferien, glaube ich das nicht.
Aber ich denken, wir haben alle viel voneinander gelernt.
„Living up to negative expectacions!“ (negative Erwartungen erfüllen), ist meiner Meinung nach das Problem und gleichzeitig die Lösung in der 2. Klasse Huasao.
Wenn man von Schülern nichts erwartet und immer mit der Überzeugung herangeht, dass eh alles verloren ist und der Schüler an seinen Grenzen angekommen ist, dann wird der Schüler das auch denken. Ein Schüler dem du immer das Gefühl gibst ein Problemfall zu sein wird irgendwann auch denken, dass er das Problem ist. Ein Schüler dem du zu verstehen gibst, dass er es nicht besser kann, wird auch denken, dass er es nicht besser kann. Die Quintessenz ist, dass wenn beide Seiten (Schüler und Lehrer) kein Vertrauen in die Fähigkeiten des Schülers haben, der Schüler auch nicht aus sich machen (können).
Viele Lehrer in Huasao sind meiner Meinung nach in allen Anklagepunkten schuldig: Sie glauben nicht an die Schüler oder es ist ihnen einfach egal. Sie kommen nicht regelmäßig zum Unterrichten und sie fordern die Schüler auch nicht wirklich.
Viele der Freiwilligen mit denen ich geredet habe meinten auch: „Das ist zu schwierig, dass überfordert sie!“ Ja, Überforderung ist schlecht, aber fordern und herausfordern nicht!
Ich gebe inzwischen immer Aufgaben, die auch schwieriger sind, eigentlich über ihrem Niveau liegen. Aufgaben über die sie sich auch mal den Kopfzerbrechen müssen.
Was soll ich sagen es funktioniert…
Diese Klasse ist so intelligent und hat unglaublich viel Potenzial. Neulich sollten sie das erste Mal richtig übersetzen und sie haben alle meine Erwartungen übertroffen und sind auch im Vergleich zu anderen Klassen unglaublich gut.
Aber nicht nur sie haben Fortschritte gemacht auch ich. Mir ist aufgefallen wie viele Schüler ich am Anfang ganz falsch eingeschätzt habe.
Das ist zum Beispiel der Junge in der letzten Reihe, der nie was sagt. Außer auf die Frage hin ob er in der letzten Stunde mit Weihnachssterne falten möchte: „Nein, keine Lust!“
Anfangs dachte wirklich er ist so ein Null-Bock-Typ, für den alles einschließlich meines Unterrichts zu uncool ist. Ich lag so falsch…
Er ist mein bester Schüler und er will unbedingt mehr lernen. E hört immer zu, wenn ich etwas erkläre, ist still und aufmerksam und ehrgeizig. Auf meine Frage hin ob er lieber in der letzten Stunde mit allen andern basteln oder ein Extra-Arbeitsblatt Englisch machen wollte, meinten er und sein bester Kumpel sofort: „Lieber in Englisch vorankommen...“
Tja, da schlägt einem als Lehrer schon das Herz höher. (und die beiden bekommen jetzt immer Extraaufgaben)
Noch so etwas ähnliches, diesmal das Mädchen in der ersten Reihe.
Sie ist nicht besonders gut und ich musste sie schon mehrmals auffordern still zu sein und aufmerksam. Eigentlich dachte ich immer, dass sie mich seltsam findet und ich sie nerve. Bis ich auf ihrem freiwillig abgegebenen Arbeitsblatt folgendes lesen durfte:
Vielen Dank Frau Lehrerin ich mag ihren Unterricht sehr gerne und habe ihnen so viel zu verdanken, ich wünsche Ihnen schöne Weihnachten.
So habe ich mich also getäuscht.
Auch Bruno mein Gasthund, der mich in der ersten Woche gebissen hat (Worauf ich mich gegen Tollwut impfen lassen musste) ist inzwischen im wahrsten Sinne des Worte handzahm und ich kann ihn streicheln.
Das Leben ist eben immer für Überraschungen gut und wenn es so positive sind, dann kann man nicht umhin auch im unweihnachtlichen Peru an den Geist der Weihnacht zu glauben.


Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue

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