Sonntag, 15. November 2015

Und es gibt sie doch!- Die Lieblingsschüler…

Wie man an der Überschrift schon unschwer erkennen konnte, geht es heute mal wieder um den erlebnisreichen Lehreralltag.
Jeder weiß ja dass es einfach nur Quatsch ist, wenn Lehrer behaupten sie hätten keine Lieblingsschüler. Also wenn dass wirklich stimmt, dann steigert sich mein Respekt für diesen Lehrer ins Unendliche.
Ich jedenfalls habe ganz eindeutig Lieblingsschüler, natürlich versuche ich sie nicht zu bevorzugen und das gelingt mir glaub ich auch ganz gut. Aber wie gesagt, ja ich bin schuldig und zwar auf ganzer Linie. Mittlerweile kann ich ja schon ein bisschen stolz auf 2 Monate Lehrererfahrung zurückblicken (mir ist klar, dass das echt wenig ist, aber man merkt schon wie so langsam Routine reinkommt)
Na ja und es gibt da also ein Muster, das ich bei mir selber beobachtet habe.
Meine Lieblingsschüler sind nicht mal die Streber, die mich an mich selber erinnern, obwohl ich die auch gerne mag..nein meine Lieblingsschüler sind die, die ich als Klassenkameraden immer richtig scheiße fand.
Es sind diese Jungs, jeder kennt sie, jeder hat sie in seiner Klasse und fast jeder fragt sich: „Warum kommen die immer durch...“ Ich hatte in meiner Klasse selber zwei so Spezialisten: wirklich intelligent, wirklich charmant und wirklich dreist!
Wie fast alle anderen Klassenkameraden hab ich mich immer gefragt, warum und wie kriegen die das immer hin, dass sie nicht zu hören, nicht aufpassen, sich die Hälfte der Zeit unangemessen oder einfach nur falsch verhalten und trotzdem immer noch von den Lehrer gemocht werden.
Ja, jetzt bin ich selber Lehrerin und Asche auf mein Haupt ich kann es jetzt verstehen.
In meiner neuen Huasou (ein kleines Dorf hier in der Nähe) Klasse habe ich wieder so einen Spezialisten. Dazu noch folgende Erläuterung, Huasao ist die schlimmste Schule, die wir haben. Die Lehrer und der Schulleiter sind genauso unzuverlässig wie die Schüler. Du rufst eine Stunde vorher an und fragst ob heute planmäßig Unterricht ist. „Ja, ja wie immer Sie müssen kommen...“
Ich setz mich also in den Bus fahre hin, werde dabei fast vom Schaffner (die gibt’s hier auch im Bus) abgezogen, weil er mir mein Wechselgeld nicht geben will. Inzwischen geht das aber nicht mehr, weil ich sowohl die Preise kenne, als auch das nötige Vokabular um es einzufordern!!!
Gut dann kommt man in Huasao an, alle Schüler draußen auf dem Pausenhof (sehr verdächtig) oder wahlweise auch- niemand auf dem Pausenhof (noch verdächtiger)… kein Unterricht. Begründungen gibt es viel: die Kinder müssen einen Tanz einstudieren, die Kinder sind nicht gekommen, die Lehrer sind nicht gekommen, niemand ist gekommen -es ist Feiertag.
Tja und dann kommt hinzu, dass ich jetzt ja den Einsatzort gewechselt habe und somit von den anderen Freiwilligen ihre absoluten Lieblingsklassen übernommen habe. Scherz, ich hab die Klassen, die die anderen nicht mehr wollten, weil sie entweder stark verhaltensauffällig sind oder eine richtig strenge Lehrerin brauchen (was ich wahrscheinlich wirklich bin).
Zurück zum eigentlichen Thema dem Lieblingsschüler. Er sitzt ganz vorne, trägt niemals Schuluniform, weil er zu cool dafür ist, und haut alle fünf Minuten einen leider wirklich witzigen dummen Spruch raus.
Das Problem ist, dass er halt auch wirklich was kann und wenn man sich mal ausmalt was er alles könnte, wenn er aufmerksamer und ehrgeiziger wäre, dann wird einem Angst und Bange. Ich war noch nie ein Fan von der Aussage: „Er kann es eigentlich, aber...“, weil es nicht stimmt. Lieblingsschüler kann es nicht, weil er nicht still sitzen kann, weil er keinen Respekt hat und weil er nur über ein absolutes Minimum an Disziplin verfügt. Stolze Eltern oder nette Lehrer meinen immer er könnte bessere Noten haben, wenn er sich nur mal zusammenreißen würde und diese Probleme in den Griff bekommen würde. Aber das geht eben nicht so einfach, weil er wie alle anderen auch sich dieses Verhalten leider schneller und nachhaltiger angelernt hat als alle Englischvokabel dieser Welt. Lieblingsschüler kann es also nicht besser, aber das soll er ja lernen, deswegen hab ich mein Hauptaugenmerk inzwischen auf Disziplin gelegt, weil ohne sie Unterricht überhaupt nicht erst stattfinden kann.
Wir üben also in der 8. Klasse aufstehen und hinsetzen und sitzenbleiben, und wenn die Klasse es nach vier Versuchen geschafft hat leise zu sein, dann brüllt der Lieblingsschüler rein oder stellt sich auf den Tisch um besser aus dem Fenster schauen zu können…
Trotzdem ist Lieblingsschüler nicht das Codewort für Hassschüler, sonder wirklich und wörtlich mein liebster Schüler. Warum weiß ich selber nicht genau, vielleicht weil er dann trotzdem hilft die Test auszuteilen oder weil er echt ein Netter ist und auch zuhört, obwohl seine Klassenkameraden nicht mitbekommen dürfen, dass er Englisch gar nicht so schlecht findet.
Vielleicht weil manche Menschen einfach immer die Sympathie andere anziehen und er zu den Glücklichen gehört, wer weiß- ich jedenfalls nicht. Ich weiß nur dass ich ihn mag und ich will so unbedingt, dass er sein Verhalten und seinen Ehrgeiz verbessert und für sich arbeiten lässt und dann irgendwann können wir mal mit Englisch anfangen.
Natürlich will ich das auch bei andern Kinder und der Lieblingsschüler muss auch raus gehen, wenn er sich auf die Tische stellt, er wird auch überhört wenn er reinruft und er bekommt auch null Punkte, wenn er aus Spaß nicht zum Examen kommt. Aber trotzdem ist er einfach der, der am Meisten ins Auge sticht und der es in Null Komma Nichts ganz weit bringen könnte und zwar mit wenig Anstrengung, er müsste es nur wollen.


Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue

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