Samstag, 28. November 2015

Opfer-Täter-Zeuge

Kinder können so süß sein, wenn sie auf dich zugelaufen kommen und dich umarmen.
Kinder können so witzig sein, wenn sie dir erzählen, dass sie „brown water“ geschrieben haben, weil es auch verschmutztes Wasser gibt.
Kinder können aber auch leider richtige Monster sein…

Ich hatte das riesige Glück meine 8 Jahre gymnasial Zeit auf einer sehr guten Schule verbringen zu dürfen. Ich hatte sehr gute und sehr aufmerksame Lehrer, die sich auch für den Schüler außerhalb des Unterrichts interessiert haben. Was vielleicht noch wichtiger ist, ich hatte super Mitschüler. Es wäre natürlich völlig übertrieben zu sagen, dass ich mich mit allen gut verstanden habe, ganz so stark vernebelt die rosarote Brille der Nostalgie meine Sich dann doch nicht.
Aber im Großen und Ganzen hatten wir ein sehr stabiles und positives Klassen- und auch Schulklima.
Es gab kein Mobbing.
Egal ob du Streber, homosexuell oder einfach nur ein bisschen ausgeflippt warst (gut das waren eigentlich alle an meiner Schule- Künstler…). Du brauchtest keine Angst haben, du durftest so sein wie du bist und wurdest in deiner Persönlichkeit auch akzeptiert und geachtet.
Eigentlich sollte das immer so sein, an allen Schulen überall. Aber wir alle wissen, dass das nicht stimmt und eine der vielen schönen Wunschvorstellungen ist.
Ich habe in meiner Grundschulzeit auch Erfahrungen gemacht die Mobbing sehr nah kommen (auch wenn es damals noch nicht so hieß), aber ich hatte immer meine Schwester. Jetzt Jahre später frage ich mich immer, warum ich niemandem so richtig erzählt habe was los war, aber ich bin auch wirklich nicht traumatisiert.
Leider holt einen die Vergangenheit ja immer ein. Mobbing ist wieder in mein Leben getreten, diesmal bin ich aber nicht Opfer und ganz sicher nicht Täter sondern Zeuge.
Meine Klasse in Huasao ist die mit Abstand schwierigste, die ich unterrichte und auch die Lehrer der Schule beschweren sich immer über diese Klasse. Sie ist wirklich schlimm und neulich mussten wir sie zu DRITT unterrichten, weil man der Lage sonst nicht Herr wird.
Ich habe diese Klasse erst drei Mal unterrichtet, weil ich ja umgezogen bin.
Beim ersten Mal ist mir ein Schüler aufgefallen, der anscheinend immer in mehr oder weniger kleine „Schlägereien“ verwickelt war, die ich da noch als eher freundschaftliche Raufereien eingestuft habe.
Beim zweiten Mal ist mir aufgefallen, dass die anderen Schüler immer seinen Namen nennen, wenn ich sie eigentlich nach ihrem frage.
Beim dritten Mal ist mir klar geworden, dass es sich hier nicht um kleinere Auseinandersetzungen handelt oder freundliche Witzeleien sondern, dass da wahrscheinlich viel mehr dahinter steckt.
Nach der Stunde eher spontan, habe ich ihn also gebeten noch länger da zu bleiben, was er auch sofort und ohne Widerrede getan hat.
Was folgt sind Ausschnitte unseres Gesprächs, die ich jetzt mal ins Deutsche übersetzt habe:

„Darf ich dich mal was fragen? Ärgern die anderen Kinder dich immer so?“
„Ja. Profe“, er hatte den Blick gesenkt und mich nicht angesehen, aber ich habe trotzdem gesehen,dass ihm die Tränen in den Augen standen.
„Hast du Angst zur Schule zu kommen, weil sie das immer machen?“
„Ja. Profe“
„Würdest du gerne die Klasse wechseln?“
„Ja. Profe“, da hat er die Tränen dann auch nicht mehr zurückhalten können.
„Hast du schon mal mit jemandem darüber geredet, eurer Klassenlehrerin, deinen Eltern?“
„Nein, noch nie.“
„Traust du dich nicht es anzusprechen, soll ich mit deiner Lehrerin sprechen?“
„Ja. Profe“, dabei hat er sich immer wieder die Tränen abgewischt
„Ok mach ich, hast du den hier in der Klasse Freunde?“
„Ja, da hinten.“ dabei hat er so wage auf ein paar leer Stühle gedeutet auf dem sonst irgendwelche Klassenkameraden sitzen.
„Ich hoffe dein Familie behandelt dich besser und dass du die Ferien als Pause sehen kannst, bis dahin werden wir nicht viel erreichen können, aber danach werden wir alles tun damit es dir besser geht.“ Die Ferien fangen in einer Woche an… aber die Aussicht noch eine Woche in diese Klasse gehen zu müssen hat ihn so fertig gemacht, dass er wieder angefangen hat zu weinen.
„Ich hoffe du weißt, das es nicht deine Schuld ist, manchmal könne sie wie Tier sein stimmt's?“
„Ja Profe“ er hat genickt und sich die Tränen abgewischt.
„Ich hoffe du weißt, dass ich dich als Schüler sehr schätze und du ein sehr intelligenter und netter Mensch bist. Du hast auch das Recht dich wohl zu fühlen und gerne zu Schule zu gehen. Willst du meine Telefonnummer haben?“
„Ja Profe“ also hab ich sie ihm aufgeschrieben
„Gib die niemandem weiter aber ruf mich an wenn es nötig ist, auch wenn es nachts ist ok?“
„Ja Profe,“ er hat den Zettel weggesteckt und er sah so traurig und einsam aus, wie er die ganze Zeit gegen seine Träne gekämpft hat.
„Möchtest du eine Umarmung?“
„Ja. Profe“, dann habe ich ihn umarmt und ihm versprochen, dass wir gemeinsam eine Lösung finden…dann ist er gegangen und ich habe auch angefangen zu weinen, weil es einfach sehr emotional war. Wenn ein peruanischer 13-jähriger Schüler weint und sich eine Umarmung wünscht, dann bedeutet dass, das es wirklich wirklich schlimm ist.

Am nächsten Tag war er nicht in der Schule, seine Klassenlehrerin aber schon. Ich hab ihr das also erzählt, natürlich nicht die Einzelheiten, aber dass es sich hier um Mobbing handelt und das wir eine Lösung finden müssen, weil es so nicht weiter gehen kann.
Die Lehrerin hat das auch sehr ernst genommen und mir versprochen mit dem Schüler und seinen Eltern zu reden und mich auf dem Laufendem zu halten.
Aber sie hat auch gesagt, dass der Schüler ihr das nie gesagt hat.
Ja, hat er mir auch nicht von alleine,aber mir ist es aufgefallen und wie kann es sein, dass so etwas der Klassenlehrerin nicht auffällt. Ich verurteile sie nicht aber ja ich mache ihr Vorwürfe, sie sieht die Klasse jeden Tag.
Wahrscheinlich ist es immer so, man sieht nicht genau hin oder eben unbewusst auch einfach weg. Das ganze Ausmaß wird einem nicht klar, weil man es lieber gar nicht wissen will.
Den Tätern wird es auch nicht klar, vielleicht weil sie selber aus instabilen und gewalttätigen Familien kommen. Vielleicht auch nur weil sie Gefallen daran finden und es ihnen an Empathie mangelt… Ich weiß es nicht. Ich kann nicht verstehen nicht einmal nachvollziehen, was in den Tätern vorgeht. Wie sie anderen soviel Leid antun können…
Wir sind zum Glück nicht alle Opfer und wir sind ganz sicher nicht alle Täter, aber wir sind höchstwahrscheinlich alle Zeugen.
Wie es jetzt mit dem Jungen weitergeht werden wir sehen. Ich werde da auf jeden Fall weiter ein Auge drauf haben und alles unternehmen was möglich ist, und möglich ist viel…
Aber es sollte niemals so weit kommen.
Gewalt steckt überall ob psychisch oder physisch, man muss sich nur trauen hinzuschauen.
Was hinter verschlossenen Türen zu Hause oder auf dem Pausenhof passiert ist NICHT Privatsphäre sondern geht jeden etwas an!!!
Opfer und Täter können wahrscheinlich nur schwer ihre Rolle aus eigenen Stücken verlassen, aber beide Seiten brauchen Hilfe.
Die Hilfe der Zeugen.


Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue

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