Samstag, 7. November 2015

Mein rechter rechter Platz ist leer, ich wünsche mir ein Diktator her

Bevor jetzt Menschen, Freunde und Familie vom Glauben abfallen oder jemand mich beim Verfassungsschutz meldet, gleich mal vorweg: Ich bin überzeugte Demokratin und lehne jede Art von Diktatur ab.
In diesem Post soll es aber nicht um meine Meinung gehen sondern um die Ansichten meines Gastvaters, die haben mir nämlich ganz schön zu denken gegeben.
Mir waren zwei Dinge klar, bevor ich nach Peru gereist bin. Erstens du wirst Meinungen und Ansichten hören und erleben, die so weit von deiner Erziehung und persönlichen Einstellung abweichen, dass du sie nicht mehr verstehen kannst. Zweitens als Atheist bist du in Peru noch exotischer, als als Gringa mit blonden Locken.
Vor kurzem bin ich ja umgezogen, vom super ländlichen und sehr armen Ccapi in das städtischerer und wohlhabende Oropesa. Mir gefällt es hier sehr gut meine neue Gastfamilie hat mich sehr herzlich aufgenommen und in den neuen Klassen komme ich ziemlich gut zurecht. Aber mir ist sehr schnell aufgefallen, dass die Menschen in Oropesa sehr viel gläubiger sind oder es zumindest mehr zum Ausdruck bringen, als die Menschen in Ccapi.
Meine neue Gastfamilie und besonders mein Gastvater zum Beispiel ist sehr religiös und lebt das auch. Zwar gehen sie nicht jeden Sonntag in die Messe, aber sie lesen dafür sonntags in der Bibel und beten vor den Essen, was mich beides nicht überrascht, weil ich es aus meiner Familie auch kenne. Was ich allerdings nicht gewöhnt bin ist, dass mein Gastvater jedes gemeinsame Abendessen nutzt um eine Grundsatzdiskussion zu initiieren.
Ich liebe diskutieren und ich mach das ja auch echt oft und manchmal auch ziemlich erbarmungslos. Meistens diskutiere ich aber mit Menschen, die zwar nicht in allen Punkten aber sagen wir mal 80% der Dinge eh schon mit mir einer Meinung sind. Mit meinem Gastvater ist das anders, wir haben eine erstaunlich kleine Schnittmenge und das macht es wirklich sehr interessant seine Meinung und (Gegen)Argumente zu hören.
Er ist ein überdurchschnittlich gebildeter Mann für Peru, der sehr gastfreundlich ist und mich und eine andere Freiwillige sofort in sein Haus aufgenommen hat. Ich bin überzeugt, dass er es im Leben nicht leicht hatte und er hat viel gearbeitet und sich alles alleine aufgebaut. Sein größter Wunsch ist, dass seine vier Söhne mehr Bildung erfahren als er und, dass sie gut erzogene und treue Ehemänner werden, die ihre Frauen und Kinder gut behandeln. Für all das kann man ihn nur mögen und ich bin mir ziemlich sicher, dass seine Söhne ihn nicht enttäuschen werden, jedenfalls was die Erziehung und die Bildung angeht.
Was sie allerdings nicht machen sollten ist sich die Fingernägel schwarz lackieren oder einen Ohrring tragen, denn das machen „echte“ Männer nicht, diese Ansicht vertrete ich nicht (falls meine eventuellen zukünftigen Söhne das jemals lesen, ihr dürft euch die Fingernägel meinetwegen auch rot lackieren und pinke tragen, da hab ich kein Problem mit) aber ich kann verstehen, dass das katholische und schon noch konservative Peru noch ein bisschen Zeit braucht um diese Meinung zu teilen. Schließlich sind wir da in unserem protestantischen und schon noch konservativen Deutschland auch noch nicht ganz da angelangt.
Was schon schwieriger zu tolerieren oder herunterzuschlucken ist, ist dass mein Gastvater meint alle Atheisten werden in der Hölle brennen und das alle Ungläubigen vom Weg abgekommen sind und zusammen mit den Kommunisten für alles schlechte und ungerechte in der Welt verantwortlich sind. Da ich Atheistin bin fühle ich mich dann immer irgendwie beschuldigt, was er glaub ich gar nicht will. Er weiß, dass ich Atheistin bin und wir verstehen uns echt super und er ist immer nett zu mir und alles, deswegen verstehe ich ihn da nicht so richtig. Noch was wo ich ihn nicht verstehe ist wenn er sagt, dass Gott das Leben geschenkt hat und niemand das Recht hat das Leben eines anderen zu beenden (also den Teil verstehe ich schon, deswegen bin ich ja auch Vegetarierin) aber dann ist er ausdrücklich für die Todesstrafe.
Es gibt also Dinge, in denen unsere Ansichten sehr weit auseinandergehen, das aussagekräftigste Beispiel hierzu zum Schluss.
Mein Gastvater wünscht sich eine Diktatur für Peru. Keine größenwahnsinnige, die andere Länder einnehmen will und global etwas verändern will, das ist nämlich ein Fehler den Deutschland begangen hat, sondern so eine private Diktatur wie in Chile, das ist jedenfalls seine Rede.
Er wünscht sich Fujimori zurück, einen ehemaligen peruanischen Präsidenten, der seine Amtszeit „genutzt“ hat um eine Militärdiktatur in Peru zu errichten oder wahlweise auch einen Diktator wie in Chile. Wieso er sich so etwas wünscht ist relativ schnell begründet, der Wirtschaft in Diktaturen geht es seiner Meinung nach besser und das Land wird aufgebaut und das wünscht er sich auch für Peru.
Das alles klingt für unsere Ohren vielleicht sehr extrem und ich kann mir vorstellen, das jetzt einige ein nicht allzu gutes Bild von meinem Gastvater im Kopf haben. Ich möchte ihn da mal in Schutz nehmen, obwohl ich nicht im Geringsten mit ihm übereinstimme.
Wir unterhalten uns wirklich gut und er hört sich bereitwillig unsere Meinung an und ist da sehr tolerant. Aber er verfügt trotz seiner verhältnismäßig guten Allgemeinbildung nur ein sehr gefährliches Halbwissen, das und die furchtbar reißerischen Medien (über die ich auch nochmal ausführlicher schreiben werde), sowie die fehlende demokratische Erziehung und Bildung (die wir im „Westen“ erfahren) ergeben zusammen eine explosive Mischung. Plötzlich ist eine Diktatur  nicht mehr nur das böse Monster, das die Menschen ihrer Freiheit beraubt und Anders-Denkende unterdrückt und verfolgt, sondern eine Alternative, die ernsthaft in Erwägung gezogen und sogar präferiert wird.
Mir ist bewusst, dass meine Ansichten auch nur das Ergebnis meiner Erziehung und Bildung sind und das ich wenn ich in China, Nordkorea oder eben auch in Peru aufgewachsen wäre vielleicht eine ganz andere Meinung hätte, eine mit einer größeren Schnittmenge zu der meines Gastvaters.
Bin ich aber nicht. Ich habe immer gelernt, dass eine Diktatur, sei sie nun eher links oder eher rechts in ihren Wurzel, etwas schlechtes ist. Aber ich habe jetzt auch gelernt, dass das für andere Menschen aus und in anderen Lebensumständen nicht so sein muss. Hättest du mich vor dem Jahr gefragt ob ich ein Jahr mit jemandem in einem Haus leben kann, der so unterschiedlicher Meinung ist, dann hätte ich „NEIN!!!“ gesagt.
Ich wünsche mir aber bei dieser Familie zu bleiben, weil sie mich freundlich und respektvoll behandeln und ich hier viel lernen kann. Ich wünsche mir im Innersten aber  genau wie mein Gastvater es wahrscheinlich auch tut, dass ich sie von meiner Meinung überzeugen kann.
Sehr wahrscheinlich wird uns das beiden nicht gelingen und das ist in Ordnung. Man kann gute Argumente und Beispiele aufzeigen. Aber seien wir ehrlich, darum geht es in den meisten Diskussionen nicht, sonst hätten wir in Deutschland ja auch mal endlich die Homo-Ehe.
Nein, es geht um Emotionen um Bauchgefühle und darum, dass jede Seite insgeheim denkt die Wahrheit oder zumindest etwas was der Wahrheit nahe kommt erkannt zu haben.
Mir geht es jedenfalls so. Ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie die Welt mit den Augen meines Gastvaters aussieht und irgendwie kann ich dann auch nachvollziehen warum er denkt, wie er eben denkt.
Aber mit meinen Augen sieht es eben ganz anders aus und ich finde mit meinen Augen sind die Aussichten schöner.

Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue


PS: Ich weiß, dass das ein sehr sensibles Thema ist und möchte deshalb folgendes noch mal betonen (auch wenn ich hoffe und glaube, dass meine Leser intelligent genug sind um es von alleine zu wissen), die dargestellten Meinungen sind meine eigenen und die von mir dargestellte Meinung meines Gastvaters. Er ist nicht ganz Peru und ich bin nicht ganz Deutschland, und ich hoffe ich konnte diesen Post so schreiben, dass ihr Leser keinen von uns verurteilt.
Genau darum geht es nämlich, die Leute nicht zu verurteilen für ihre Ansichten. Sonder sich, so kurz es auch sein mag, in ihre Lage zu versetzen und zu versuchen de Welt mit ihren Augen zu sehen. Man muss nicht mögen was man sieht, man muss diesen Blick auf die Welt nicht teilen und auch nicht teilen wollen, man darf sogar versuchen anderen die „Augen zu öffnen“, aber man sollte immer mal wieder einen andere Sicht auf die Dinge wagen.


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