Samstag, 31. Oktober 2015

Utopie und Dystopie

Alle Probleme, von denen ja bekanntlich im Allgemeinen und im Speziellen recht viele existieren , haben etwas gemeinsam...will man sie lösen, gibt es aus meiner Sicht zwei Schritte zum Erfolg.
Erstens, und meistens scheitert es schon hier, muss man das Problem erkennen und sich eingestehen, dass es existiert und nach einer Lösung verlangt. Zweitens und das ist glaube ich schon  zu evident, als dass ihr erraten könntet was ich meine, muss man das Problem lösen.
Ich stelle jetzt mal in den Raum, dass die meisten Probleme existieren, weil sie gar nicht erst erkannt werden, aber ein nicht geringer Teil spukt in unserem Leben herum, weil es keine (umsetzbare, ordentliche) Lösung gibt oder sie von den Beteiligten übersehen und nicht gefunden wird. Tja, und dann gibt es noch so eine Untergruppe bei der einfach ein völlig falscher Weg eingeschlagen wir um das Problem zu lösen.
Hier in Peru habe ich jeden Tag mit diesem letzten Phänomen zu tun, denn es ist meine Arbeit und das Problem oder viel mehr die Probleme sind die geringen Englsichkentnisse meiner Schüler.
Bis vor zwei Jahren hat der Staat sich für dieses Problem nicht wirklich interessiert oder fals er es doch getan hat, sein Interesse sehr gut versteckt.
Immerhin ist seit kurzem der erste Schritt gemacht: das Problem wurde jedenfalls schon mal als solches  erkannt und es war sogar gleich eine „Lösung“ parat.
Die Lösung ist Technik, die begeistert und zwar die Englischlehrer und die Schüler nicht aber uns Freiwillige. Technik steht in diesem Fall für ein Englsichlernprogramm für den Laptop, was mit selbgen an die Schulen geliefert wird. Die Idee ist, die Anzahl der Englischstunden von 2 auf 6 pro Woche zu erhöhen, was ich ziemlich gut und sinnvoll finde und die Schüler in 4 dieser Stunden am Laptop arbeiten zu lassen, was ich ziemlich schlecht und sinnlos finde. Zu dem Programm gibt es einen ziemlich fehlerhaften (was das Englisch angeht) Lehrplan und ein Buch, das so dick ist, dass niemand Lust hat es aufzuschlagen…
Die Wunschvorstellung des Staates ist, dass die Schüler durch das Programm und die Muttersprachler, die die Dialoge vorlesen Englisch lernen, die Realität sieh anders aus und ist aus meiner Sicht eher eine Dystopie.
Es gibt so viel Nachteile, das ich hier mal nur die schlimmsten drei zusammengetragen habe:

1. Die Schüler sind permanent überfordert, das Programm und auch das Buch bauen nicht langsam Wissen auf, sondern sind weit über dem Niveau der Schüler, Übersetzungen gibt es wenig und fast alles ist auf Englisch, weshalb die meisten Schüler an den Übungsaufgaben scheitern, weil sie nicht mal de Aufgabenstellung verstehen können. Grammatik wird überhaupt nicht erklärt und auch wenn es Stimmen geben mag, die jetzt sarkastisch sagen: „das ist aber Schade…“ muss ich ganz klar sagen, dass Grammatik und Wortschatz der schküssel zum sprechen einer Sprache sind und fehlt eiener der beiden, so wird die wunderbare Welt des Fremdsprache-Sprechens für immer verschlossen bleiben!

2. Die Schüler lernen gar nichts, im besten Falle nichts oder falls man wirklich sehr optimistisch ist aus versehen ein bisschen was. Das Programm wird angemacht und dann lustlos die einzelnen Unites (Abschnitte/Einheiten) bearbeitet, meisten raten die Schüler nur und ziehen mit der Maus wahl-und ahnungslos irgendwelche Wörter in irgendwelche Felder oder sie hören sich die Dialoge an und können damit überhaupt nichts anfangen und klicken irgendwann einfach nur wild auf dem Bildschirm rum, oder spielen „heimlich“ Plants vs. Zombies. Ich habe schon diese komischen interaktiven Tafel in Deutschland vehement abgelehnt, aber das Englischprogramm hier ist wie ihr kleiner Bruder, noch schlimmer und penetranter. Es gibt so gute Studien zu dem Thema digitales Lernen und Einsatz von Medien im Unterricht und ich habe dazu selber ein sehr gutes Buch gelesen, dass ich empfehlen kann; „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer, (steht in meinem Bücherregal könnt ih euch gerne ausleihen…) die Quintesenz nehme ich mal vorweg, früher war alles besser, oder eben die altbewehrten Methoden mit Tafel, Kreide und engagiertem Lehrer bringt am meisten.
3. Die Schüler verlieren die Lust. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen und eigetlcih tuen sie mir nur Leid, alle Examen werden auch auf dem Computer absolviert und weil Nachteil eins und zwei dem System anhaften bekommen die Schüler immer schlechte Noten, sie haben auch ehrlich gar keine Chance es zu können. Schlechte Noten sind nicht das Problem, aber permanente Enttäuschung und keine Erfolgserlebnisse schon und so verlieren selbst wirklich gute und ehemals motivierte Schüler die Lust und den Anschluss. Das Schulsystem ist meiner Meinung nach eh schon unvorteilhaft um jetzt mal das Wort furchtbar nicht zu verwenden (Ups…jetzt hab ich es doch getan!). Klar das deutsche System hat auch Schwächen und es gibt Stimmen, die meinen das sortieren in Gymnasium, Realschule und Hauptschule sei etwas ganz schlechtes. Meine Stimme sagt etwas anderes, in Peru werden alle Kinder zusammen unterrichtet und das führt zu unvorstellbar großen Leistungs- und Wissensdifferenzen innerhalb einer Klasse. Was eine eh schon fast unmögliche Aufgabe ist, nämlich die Kinder differenziert zu fördern und weder die guten noch die schlechten zu vernachlässigen, wird durch das Computerprogramm einfach wirklich unmachbar. So verlieren alle Schüler nach und nach die Lust am lernen und arbeiten und wenn dann wir Freiwilligen kommen und sagen: „Laptops zuklappen und Englischhefte auf!“ (gut so sagen wir das nicht sondern auf Spanisch ;-) ), dann ist das für die Schüler eine richtige Herausforderung. Normalerweise müssen sie sich nicht anstrengen sondern nur vom Programm berieseln lassen und das macht es für uns nicht unbedingt leichter…

Vielleicht mag unsere Arbeit hier jetzt sinnlos erscheinen, dass ist sie aber nicht, sie wird durch das Programm schwieriger, weil wir koordinieren müssen wann Laptopstunden sind und weil wir den Kindern nicht mehr ganz so frei Stoff vermitteln können, wie wir es gerne hätten, aber sie wird auch umso wichtiger. An den Schulen an denen wir arbeiten gibt es nur 2 Computerstunden pro Klasse und wir dürfen in unseren Stunden ohne Laptops unterrichten, weil wir das auch wirklich geschlossen als sinnlos ablehnen, und auf die altbewährten Methoden zurückgreifen und so lernen die Kinder dann auch wirklich etwas. Ich will nicht mal sagen, dass es an uns oder unseren pädagogischen Fähigkeiten liegt, auch wenn das eine sehr schöne Vorstellung ist…
Nein, es liegt daran, dass wir immer lernen, wenn unser Gehirn aufnahmebereit ist und wir uns mit etwas beschäftigen und auseinandersetzen (in diesem Falle, der schönsten Sprache der Welt) und genau das wird mit dem Computerprogramm verhindert!
Was eigentlich eine Lösung seien sollte, kreiert aus meiner Sicht nur noch mehr Probleme, es steht mir nicht zu eine sinnvolle Lösung für dieses große Problem vorzuschlagen, dass wäre arrogant und naiv.
Aber es steht mir zu meine Meinung zu äußern und die ist: Weg mit den interaktiven Whiteboards, Computerlernprogrammen und Laptops, und bitte bitte mehr rausgehen mit Schülern und Kindern und lesen in Büchern aus Papier uns schreiben auf Blättern aus Papier und basteln und malen und sprechen, reden, schauspielern, was auch immer, es gibt tausend Möglichkeiten und ja moderne Technik kann eine von ihnen seien, aber sie ist immer nur eine Ergänzung niemals niemals ein Ersatz für andere Methoden und Möglichkeiten.

Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue

PS: Ich hoffe es ist nicht der Eindruck entstanden ich sei ein Technikfeind, dass bin ich nicht und ich bin im Allgemeinen ein großer Verfechter des Fortschritts und der Neuerungen, aber in diesem speziellen Fall muss ich eine Ausnahme machen, die die Regel bestätigt.



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