Mittwoch, 21. Oktober 2015

Lehrer müsste man sein


Wie ihr sicherlich wisst bin ich in Peru um Englisch zu unterrichten, vielleicht wisst ihr es auch gar nicht, denn ich habe bisher noch nie etwas über meine Arbeit geschrieben. Das hat mehrere Gründe, ich wollt abwarten und mir Zeit nehmen um auch wirklich etwas gutes, gerechtes und interessantes schreiben zu können und dann war es plötzlich mein Alltag und zwar ein spannender und ich wusste gar nicht mehr wo ich anfangen sollte…
Heute als Einstieg möchte ich ein paar Anekdoten und allgemeine Gedanken aus meinem neuen Berufsleben teilen.
Zu erst einmal Danke! an alle meine Lehrer und alles was sie für mich getan haben, ich würde zwar sagen, dass ich eine dankbare Schülerin war und auch immer Respekt vor der Arbeit und Energie meiner Lehrer hatte, aber bisher war mir das ganze Ausmaß ihrer Arbeit unbekannt.
Als Schüler dachte ich immer auf meiner Seite des Klassenraumes sei es schwieriger und dass wir als Schüler die meiste Arbeit hatten, mussten wir doch für viele Fächer lernen und Hausaufgaben machen (gut nicht viele) und in möglichst vielen Sachen Bescheid wissen. Lehrer konnten einfach eine Stunde, die sie irgendwann mal vorbereitet hatten immer wieder benutzen und mussten sie uns „nur noch“ vermitteln, das kam mir deutlich einfacher und beneidenswert vor, aber so ist es nicht.
Ich habe mir den Lehrerberuf nicht einfach vorgestellt und denke bis heute, dass obwohl jeder in seinem Beruf Verantwortung trägt, Lehrer besonders viel Verantwortung haben, gute Lehrer können  Schüler so weit bringen, sie unterstützen und vielleicht hin und wieder sogar Leben verändern aber auf jeden Fall positiv beeinflussen.
Nun, bin ich also selber Lehrer und es ist so anstrengend, ich beklage mich nicht, ich liebe es, aber es ist jeden Tag wieder eine Herausforderung und mir ist völlig unklar, wie unsere Lehrer nach drei Stunden Unterricht, nicht einfach an der Tafel umgeklappt oder eingeschlafen sind, denn das würde ich am liebsten nach drei Stunden tun.
Natürlich gibt es noch einen großen Unterschied zwischen meiner Arbeit hier und der, der Lehrer in meiner alten Schule in Deutschland, zum einen die Sprachbarriere und zum anderen die peruanische Disziplin.
Zu Ersterem kann ich sagen, dass mein Spanisch mittlerweile  schon recht gut ist und es da keine Probleme gibt, aber ich muss jede Stunde genau planen, mir überlegen, was ich wie sagen werde und sehr viele Wörter nachschlagen um möglichst wenig Rechtschreibfehler an der Tafel zu machen und zwar in beiden Sprachen. Denn wie euch beim lesen diese Blogs sicherlich schon aufgefallen ist, ist Rechtschreibung nicht so meine Stärke, man könnte auch schon von Schwäche reden und ich bin bis heute der Meinung an einer undiagnostizierten Lese-Rechtschreib-Schwäche zu leiden. Hinzukommt, dass die Kinder auch alle Quechua reden, in der Primaria ( bei uns 1.-6. Klasse) zum teil auch noch kein Spanisch können, weshalb die Verständigung dann durch andere Kinder (die total süß übersetzten) oder Pantomime meinerseits erfolgt, das ist allerdings nicht weiter schlimm und geht echt überraschend gut. Schwieriger ist es da schon in der Secundaria (bei uns 7.-11. Klasse), hier reden die Kinder mit Absicht Quechua, damit ich sie nicht verstehe oder die super lustigen Witze, die sie machen. Manchmal fragen sie mich auch was auf Quechua nur um sich dann darüber zu freuen, dass ich sie nicht verstehe… meine Strategie ist dann immer einfach ganz schnell und viel auf Deutsch zu reden oder auch auf Englisch, weiß nicht ob das pädagogisch wertvoll ist, aber es hilft super! Neulich war es noch besser, da hab ich verstanden was er mich auf Quechua gefragt hat, und konnte sogar antworten, was mich und die Klasse gleichermaßen überrascht hat. (Gut, es war auch nur „Wie geht’s.“ „Mir geht’s gut!“, aber es soll ja Leute geben, die das auf Quechua nicht sagen/verstehen können...)
Zurück zur peruanischen Disziplin, ich möchte eins vorneweg sagen, damit niemand einen falschen Eindruck bekommt, die Schüler sind zu 99% absolut liebenswert und wollen einem nichts böses, sie sind großteils interessiert und wollen lernen, dass muss man immer im Hinterkopf behalten. Aber ihre Disziplin ist schwierig, hier ein paar Beispiele:
  melden kennen sie zwar machen sie aber nicht, oder sie melden sich und rufen dabei rein, was dazu führt, das der Lärmpegel im Klassenraum ungesund hoch ist, ich bin sicher jeder Ohrenarzt würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen (oder sich die Ohren zuhalten), aber wir arbeiten dran…
  es ist normal, dass Schüler einfach aufstehen und an die Tafel oder zu dir kommen, oder zu einem anderen Schüler gehen, meistens wollen sie dir zeigen wie toll sie die Aufgabe gelöst haben oder aber einfach nur mal irgendwas fragen, hier dreh ich mich konsequent weg und schau mir nur die Aufgaben von Schülern an die auf ihrem Platz sitzen und sich leise melden, klappt gut!
  Schüler kommen zu spät, manchmal sind am Anfang der Stunde  5 von 25 Schülern da, die andere kommen später oder gar nicht, meistens muss ich eh 10 Minuten später anfangen, weil kein Schlüssel da ist oder die eigentliche Lehrerin fehlt und 10 Minuten früher aufhören, weil die Schulglocke relativ beliebig klingelt. Hier ist meine Taktik ruhig weiteratmen, gerne würde ich die verlorene Zeit, wie meine Schwester, hinten dranhängen, aber da macht die Lehrerin leider nicht mit…
  bei den Grundschülern ist es auch üblich sich auf die Stühle zu stellen oder Stühle aufeinander zu stellen und sich dann da drauf zu stellen, wenn so was passiert hole ich die Schüler an die Tafel, damit sie was anschreiben können und eine „wichtige“ Aufgabe haben
 All das passiert jeden Tag in fast jeder Stunde und eigentlich ärgert es mich nicht, ich versuche einfach diese auftretenden Probleme möglichst pädagogisch und sinnvoll zu lösen, es gibt nur zwei Phänomene mit denen ich noch nicht gut umgehen kann:
1.      Verbale und non-verbale Gewalt im Klassenzimmer, das passiert nicht regelmäßig aber zu oft, wenn ich sehe wie ein Schüler einen anderen in irgendeiner Weise Gewalt antut, dann muss dieser sofort den Klassenraum verlassen, schwieriger ist es bei Beleidigungen,weil ich halt eben doch nicht alles verstehe und so schlecht einschätzen kann, was wer wirklich gesagt hat, was Bestrafungen und Konsequenzen sehr schwierig macht...
2.      Peruanische Schüler haben einen Faible für scharfe und gefährliche Gegenstände, besonders in der Grundschule, es gibt zum Beispiel den einen Schüler, der immer eine Schere in  der Hand hat und damit herumfuchtelt, durchs Klassenzimmer läuft oder sie sich in den Mund steckt, normalerweise nehme ich so was konsequent weg (bis zum Ende der Stunde liegt es dann auf dem Lehrertisch), aber in solchen Fällen ist es schwierig, weil ich ihn und mich nicht verletzten will…
Dazu noch eine letzte Anekdote, bei der ich echt ratlos war: Ein Schüler in der zweiten Klasse fiel mir auf, weil er die ganze Zeit kaute und eigentlich nicht zu essen hatte, also frage ich ihn: „Was hast du den im Mund?“ Er schaut mich an grinst, macht den Mund auf und was hatte er im Mund? Ich sag's euch, da kommt ihr nie drauf- eine RASIERKLINGE!!!
Es ist ein Wunder, dass er sich nicht verletzt hat und es war echt schwierig ihn davon zu überzeugen, sie mir zu „leihen“ bis zum Ende der Stunde, hat er aber doch gemacht und ja ich geb's zu ich hab sie dann „verloren“ und ihm nicht wieder gegeben!

Ihr seht es ist immer was los und es gibt noch so viel mehr zu erzählen, aber dass mache ich ein anderes Mal. Als Schlusswort, dieses zu langen Posts: ich liebe meine Schüler und sie zu unterrichten, egal ob sie manchmal echt seltsame Sachen machen und mich an den Rande des Wahnsinns treiben, sie meinen es ja nicht böse und sie bereiten mir auch immer mehr Freude als Kopfzerbrechen…

Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen