Donnerstag, 15. Oktober 2015

Corrida de vacas

In Peru hat jede Stadt und jedes Dorf einen oder eine Schutzheilige und jeder und jede dieser Schutzheiligen hat einen Ehrentag, oder mehrere aufeinanderfolgende Ehrentage, die dann von den Einwohnern entsprechend gefeiert werden.
Die Schutzheilige von Ccapi ist die Virgine de Rosario und ihre Ehrentage sind der 7.-9. Oktober.
Man kann sich also vorstellen, dass letzte Woche quasi Ausnahmezustand in Ccapi herrschte und deshalb auch der Unterricht nur sporadisch und teilweise nur mit 5 Schülern stattfand.
Jeden Morgen um 4.30 Uhr zog eine Blaskapelle mit mehr oder minder begabten Musikern durch das ganze Dorf um der heiligen Jungfrau ihre Ehrerbiertung darzubringen und das Dorf zur Messe zu wecken, welche jeden Morgen um 5.00 Uhr stattfand, zu diesem Zeitpunkt war ein guter Teil des Dorfes auch immer schon oder vielmehr noch reichlich angeheitert oder auch völlig betrunken.
Der Pfarrer hatte zwar extra in der Messe noch gesagt, dass man sich mit dem Alkohol zurückhalten solle, weil es die Jungfrau nicht gerne sieht, aber das half genauso wenig wie ihre Anwesenheit.
Die Jungfrau selber war nämlich während der ganzen Zeit quasi persönlich dabei, es gibt nämlich eine ungefähr 80 cm große Puppe von ihr, die normalerweise Teil des Altares ist. Jedes Jahr, am 7.Oktober wird sie aus ihrem Rahmen herausgenommen und umgezogen, anschließend auf einem extra Altar in Szene gesetzt. Bedeutet genauer: unglaublich viele Gladiolen und Lilien in allen möglich Farben werden um sie herum aufgestellt zusammen mit Kerzen aller Größen und einem ausladenden und reich verzierten Mantel, den sie umgelegt bekommt.
Neben der Messe und den Blaskapellen gab es auch noch sehr viele traditionelle Tänze.
Mehrere Gruppen hatten bereits Tage zuvor begonnen eine Choreographie einzustudieren und präsentierten ihre Tanzeinlagen in sehr farbenfrohen und reich verzierten Trachten auf dem Plaza. Was echt ein schöner Anblick war und außerdem nicht nur für die Augen sondern auch für die Ohren eine wahre Freude, denn die Musiker, die die Tanzeinlagen begleiteten waren alle aber wirklich alle sehr talentiert. Besonders überrascht hat mich der eine Saxophonist, der plötzlich auf dem Thema von „Der Rosarote Panter“ improvisiert hat und so unter die traditionellen Klänge auch für meine Ohren etwas vertrautes gemischt hat.
Die ganzen Messen, Tänze, Blaskapellen, Taufen und Hochzeiten dieser Tage waren aber eigentlich nur nettes Beiwerk für die Dorfbewohner, denn das eigentliche Highlight der Festtage war der Stierkampf.
Ich habe lange überlegt, ob ich da überhaupt hingehe, denn der unverkennbare tierquälerische Aspekt war mir ja schon vorher bewusst, ich bin letztendlich doch gegangen… aber es war eine „Einmal-im-Leben-Sache“ und ich werde mir so etwas nie wieder ansehen!
Das ganze Dorf hatte sich um die Arena herum versammelt und saß entweder auf einem „Berghang“ in der prallen Sonne (so wie ich) oder auf dem Geländer der Stierkampfarena (so wie die 9-jährigen Kinder, um die ich die ganze Zeit Angst hatte).
Zu Beginn gab es Musik und dann Rodeo, was auch zwischen den einzelnen Stieren immer wiederholt wurde.
(Bitte, Franzi lies den Rest diese Postes nicht, es würde dich nur traurig machen…)
Rodeo bedeutet, dass ungefähr ein Dutzend Pferde in die Arena getrieben wurden und 6 Männer mit Lassos versucht haben, sie einzufangen. Sobald es einem von ihnen gelungen war, die Schlinge des Seiles um den Hals eines Pferdes zu werfen und festzuziehen, wurden die restlichen Pferde wieder aus der Arena getrieben und alle anderen Männer eilten herbei um das gefangene Pferd festzuhalten. Einer packt das Pferd so fest wie möglich an den Ohren, die anderen entfernen das Lasso und einer (er war nicht älter als 16) stiegt auf den Rücken des Pferdes, anschließend wurde das Pferd geschlagen, sodass es panisch loslief und versuchte den Reiter abzuwerfen...Rodeo halt.
Das war der erste Teil des Spektakels, der zweite war für mich noch schwieriger zu ertragen, der Stierkampf.
Ein Stier, dem man vorher mit Mühe ein farbiges Tuch umgebunden hat, wird von 12 Männern an einem Seil in die Arena gezogen und dann „freigelassen“. Dann kommen 3-4 Stierkämpfer mit roten oder rosaroten Tüchern in de Arena und wedeln damit rum, wie man das vielleicht aus Filmen oder so kennt…
Jetzt kommt es ganz auf den Stier an, was passiert. Die ersten beiden Tiere hatten einfach nur Angst, sie haben nicht angegriffen und sind einfach immer nur rückwärts geflohen, wenn sich ein genervter Stierkämpfer genähert hat, beziehungsweise sind sie am Rande der Arena umhergelaufen um einen Fluchtweg zu finden, den es leider nicht gab.
Die anderen Stiere waren um einiges aggressiver und angriffslustiger, sie haben mit den Hufen im Sand gescharrt und sind immer wieder laut schnauben auf die unterschiedlichen Stierkämpfer zugelaufen, die dann ausgewichen sind… oder eben auch nicht, einmal ist einer der Stierkämpfer gestürzt und der Stier hat ihn angegriffen und ist auf ihn losgegangen und ich dachte wirklich, dass  wir jetzt alle Augenzeugen eines sehr furchtbaren „Unfalls“ werden, aber den anderen Stierkämpfern ist es noch gelungen den Stier mit ihren Tüchern abzulenken, sodass der am Boden Liegende sich wieder aufrappeln konnte (ihm ist nichts passiert, falls sich jemand Sorgen macht)
So einen ähnlichen Moment gab es später noch einmal und jedes mal wurde mir klar, dass das keine Fernsehaufnahme ist, bei der eventuell traumatische Geschehen raus geschnitten sind, sondern das wahre Leben und zwar live, wäre an dem Tag jemand gestorben (so wie vor 3 Jahren), dann hätten wir das alle mitangesehen…
… es ist ja eigentlich auch jemand gestorben, sogar mehrere, denn am Ende des Stierkampfs werden normalerweise alle Stiere geschlachtet, zwar nicht öffentlich vor Publikum, aber tot sind sie am Ende trotzdem!
Ich weiß es ist Teil der Kultur hier und das die Menschen es hier moralisch nicht fragwürdig finden, ich aber ehrlich gesagt schon. Ich sehe die friedlich grasenden Stier hinter der Arena und ich weiß, anders als die Stierkämpfer haben sie weder eine Wal noch eine Chance, sie werden in wenigen Minuten als Monster durch die Arena getrieben und in wenigen Stunden getötet und ja während der ganzen Zeit (4 Stunden lang) hatte ich nur Mitleid für diese Tiere, nicht für die Stierkämpfer oder die Rodeo-Reiter, die zum Teil auch echt übel gestürzt sind.
Ich hatte Tränen in den Augen und ich habe mich gefragt ob wirklich jede Tradition es wert ist weitergeführt und konserviert zu werden...

PS: Stierkampf heißt im Spanischen eigentlich „corrida de torros“, meine kleine Gastschwester nennt es aber immer „corrida de vacas“, was übersetzt Kuhkampf bedeutet und einer der wenigen lustigen Dinge an der ganzen Veranstaltung war!

Liebe Grüße aus Peru

Eure Sue

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