Freitag, 25. September 2015

Alleinsam

In meinem Leben war ich eigentlich fast nie allein.
Manche Leute lieben Privatsphäre und diese Stunden „für sich“-ich nicht. Ja, ich brauche auch mal Zeit für mich alleine, also so 15 Minuten oder so- in der Woche, dass reicht mir schon.
Woran liegt das?
Nun, wenn man nicht mal die 9 Monate vor seiner Geburt alleine war, in seinem Leben eigentlich nie ein eigenes Zimmer hatte, dann im Internat gewohnt hat und als Frau natürlich auch nicht alleine auf's Klo geht, dann bekommt Privatsphäre irgendwie eine andere Bedeutung.
Ich denke so richtig kann man sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selber erlebt hat, aber Alleinsein gab es für mich eigentlich nie. Eine Vorstellung, die sicherlich für einige sehr speziell bis unerträglich ist, für mich aber nicht. Es ist einfach immer so gewesen und ich muss sagen, dass ich ein richtig glückliches Leben hatte/habe. Vielleicht weil man angeblich nichts vermissen kann, was man nicht kennt, aber vielleicht auch, weil es einfach meiner Persönlichkeit entspricht immer unter Menschen zu seien, habe ich nie das Gefühlt gehabt, lieber mehr Zeit für mich alleine zu haben.
Mein Leben vor Peru war geprägt von anderen Menschen, die immer für mich da und erreichbar waren und das hat sich jetzt geändert. Aber nur der zweite Teil...
Hier in Peru sind die Menschen generell sehr offen, fröhlich und herzlich, ich mag ihre Mentalität, auch wenn ich sie noch nicht ganz teile. Wenn ich durch Ccapi gehe, kommen mir die Kinder nachgelaufen und rufen „Good morning teacher!“, halten plötzlich meine Hand oder umarmen mich. Auch die Erwachsenen sind immer gastfreundlich, grüßen mich und unterhalten sich mit mir. Erst neulich hat mir eine Frau auf dem Marktplatz gezeigt, wie man hier Wolle spinnt und ich durfte das dann auch mal probieren oder sie laden mich auf einen Kakao ein oder sagen mir wo sie wohnen und dass ich doch mal vorbeikommen soll.
Trotz allem bin ich jetzt viel häufiger allein als früher, für jeden anderen wäre es wahrscheinlich normal, es würde gar nicht auffallen.
Mir fällt es aber auf, denn wenn man früher durchschnittlich über den Tag verteilt vielleicht 1-2 Stunden alleine war, dann kommen einem 3 Stunden am Stück unendlich lange vor. Nun sagte ich ja bereits, dass sich nur eins von beidem (Erreichbar- und Dasein) verändert hat, nämlich das Ereichbarsein.
Hier in Ccapi gibt es kein Internet, gut das stimmt nicht ganz. Es gibt zwei Computer, die in zwei Büros stehen, mit Lan-Kabel, die meistens funktionieren, aber grade zum Beispiele nicht und weil die Peruaner wirklich liebe Menschen sind, darf ich diese Computer auch ab und zu benutzen. Theoretisch gibt es auch ein Wifi, das hat aber nur in den ersten zwei Tagen hier funktioniert und verweigert seit dem jede Zusammenarbeit und obwohl ich tief im Herzen ein Optimist bin, glaube ich nicht daran, dass das in naher Zukunft wieder anfängt zu funktionieren.
Es ist also ein Glücksspiel, wird es heute Internet geben? Werde ich heute die 5 vorbereiteten

E-mails abschicken können? Werde ich die ebenso vorbereitete Fotos und Posts hochladen können? Werde ich eine Nachricht meiner Freunde und meiner Familie lesen können?
Ich will die Freundlichkeit der Leute nicht überstrapazieren, weil die einem auch nicht unbedingt sagen, wenn man etwas macht, was sie stört und deshalb versuche ich alles was ich im Internet zu tun habe in 10 Minuten machen zu können, was bei der langsamen Verbindung echt ambitioniert ist.
Die Menschen, die ich sonst fast 24 Stunden um mich hatte sind plötzlich nicht mehr erreichbar und ich wusste natürlich, dass das kommt. Aber ich wusste nicht wie schwierig es seien würde Alleinsein nicht mit Einsamkeit zu verwechseln.
Denn obwohl diese Menschen, die mir so wichtig sind und denen ich ziemlich sicher auch wichtig bin nur noch eingeschränkt erreichbar sind, so sind sie doch uneingeschränkt für mich da.
Ich bin alleine aber nicht einsam- ich bin NICHT alleinsam! (ein Wort, auf das ich ziemlich stolz bin…).
Man kann von hundert Menschen umgeben sein, dann ist man nicht allein aber vielleicht einsam, dieses Gefühl ist sicherlich eines der Schlimmsten, die es gibt.
Man kann alleine sein und einsam, weil man niemanden hat, der für einen da ist, der einen versteht und zu dem man Vertrauen hat, dann ist man alleinsam.
Ich habe das Glück weder ersteres noch zweiteres zu sein. Ich bin hier vielleicht manchmal allein, aber ich bin zu keinem Zeitpunkt einsam und dafür bin ich sehr dankbar.
Trotzdem ist es manchmal schwer, sich daran zu erinnern!
Sich daran zu gewöhnen allein zu seien und etwas mit sich anzufangen zu wissen ohne dass andere Leute dabei sind, ist bestimmt so eine „Das-brauchst-du-für-später-das-ist-so-wichtig-für-dich-Sache“ und ich werde mich wohl früher oder später daran gewöhnen nicht 10 Stunden am Stück mit anderen zu reden, sondern eben auch mal still in meinem Zimmer oder draußen in der atemberaubenden Landschaft zu sein. Aber auch wenn ich glaube, dass das vielleicht einer der größten Herausforderungen dieses Jahres ist und dass es vielleicht wirklich gut ist um mehr Sachen über mich selber zu lernen, so wünsche ich mir doch relativ oft den Trubel von „früher“ zurück.
Ich höre viel Musik und ich schreibe viel, weil mir dass das Gefühl gibt nicht allein und erst recht nicht einsam zu seien und ja manchmal singe ich auch, vielleicht mache ich auch mehr Sport, obwohl mein Schulweg eigentlich ein vollständiges Bauch-Beine-Po-Programm ist…
Mit der Zeit werde ich lernen mich mit wenigen zur Verfügung stehenden Sachen zu beschäftigen…
Was würdet ihr machen, was macht ihr in eurer „Zeit-für-euch“, ohne YouTube, Fernseher, Kino ohne Club, der auf hat ohne Hausarbeit, die ihr machen könnt?
Ich finde es gar nicht so leicht da etwas zu finden. Aber das Gute ist, dass Zeit immer gleich schnell verläuft (gut die Zeugen Jehovas sehen dass anders..), auch wenn es einem nicht so vorkommt…
...und am Ende des Tages war ich mehr Zeit mit netten Leuten zusammen, als alleine und das Wichtigste: Ich war nicht eine einzige Sekunde lang alleinsam!

Liebe Grüße aus Peru
Eure Sue

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